| Je nach Ware, die du hast, gibt es einen
Verkaufs-Radius. Zum Beispiel "Bücher in deutscher Sprache" sprechen den
deutschen Sprachraum an.
Einladungen zur Kunstausstellung in die Zehntscheuer
Zuffenhausen sprechen nur diejenigen an, die innerhalb einer Stunde mit
öffentlichen Verkehrsmitteln zur Ausstellung gelangen könnten. Also aus
Tübingen kommt eher niemand. Aus Ludwigsburg könnten manche kommen. Am
ehesten gelangt man aus allen Stadtteilen Stuttgarts zu diesem Angebot.
Weiter will die Einladung nicht reichen. Rein örtlich werden eine Million
Menschen angesprochen.
Je nach Ware, die du hast, sprichst du jeden zweiten
oder nur jeden zweitausendsten Menschen überhaupt an. Jeder zweite trinkt
ab und zu bis häufig Tee. Teebeutel stehen bei jedem zweiten herum, echte
Teeblätter schon nur bei schätzungsweise jedem Zehnten.

Kunst scheint oberflächlich betrachtet nur bei jedem
hundertsten landen zu können. Wenn ich sage, "Ich verkaufe dir meine
Kunst" gehen sehr viele Mitmenschen auf Abstand. Wenn man vorschlägt "Wir
könnten mal ins Museum gehen", verbessert sich die Lage um das Zehnfache.
Des Nachbarn Kunst hat ein Jesus-Problem: Das eigene
Dorf erkennt sie nicht an. Kunst muss einen weiten Bogen nach draußen
gehen oder behaupten, sie sei ihn gegangen, damit der Nachbar sich das mal
anschaut.
[ Frühling 25 ] [ Sommer 25 ] [ Herbst 25 ] [ Winter 25 ]
Die moderne Bildende Kunst scheint mir "das Volk"
nie erreicht zu haben. Seit Picasso besteht da ein Abstand, an dem eine
Million Kunstverkäufer und fünfzigtausend Angebote von moderner Kunst in
Museen in der Bilanz nicht zu rütteln schafften. "Das Volk" ist bis zu
Impressionisten und blauen Pferden mitgegangen. Bei Modernerem steigt es
aus und schüttelt den Kopf.
Ich mag das. "Das Volk" steckt in mir. Ich möchte
Show verkaufen. Sehr gehobene Unterhaltung.

Mein verrücktes Erlebnis als Künstler ist: Die
KunstmacherInnen um mich herum halten zu meinen Angeboten so viel Abstand,
wie "das Volk" von ihnen hat. Denn meine kunsttreibenden NachbarInnen sind
alle brutal modern. Erstaunlich selten sind sie dabei gedankenstark.
Erstaunlich wenig gehört zur frisch im Nahraum erstellten modernen Kunst
um mich herum, dass man in Gesprächen daran entlang tief bohren kann, oder
dass sie aus ihrer puren Bildhaftigkeit heraus Tiefgang liefern. Die
moderne Kunst 2025 präsentiert sich mir im Nahraum als ein so flaches
Gebäude, dass ich an vielem einen persönlichen Spaß empfinde - aber nur
wenig davon selbst ausstellen würde und nichts zu kaufen sehe.
Jede von mir kuratierte Kunstausstellung in der
Zehntscheuer bekommt ihre Werbe-e-mail. Da setze ich mich nach allerlei
Vorbereitung und Absprache dessen, was ich als nächstes ausstellen will,
etwa einen Monat vor der Vernissage hin und teile an anfangs zweihundert,
jetzt vielleicht fünfhundert e-mail-Adessen recht spontan meine
Sichtweise, meine Gedanken mit, die ich zur kommenden Ausstellung
empfinde. Hier kommen meine e-mails. Lest mit und kommt beim nächsten Mal
:-)

"Moderne Kunst weicht ab von der Norm": Drei
Kleingemälde von Chris Mennel
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