Einladungs-Mails
  

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Je nach Ware, die du hast, gibt es einen Verkaufs-Radius. Zum Beispiel "Bücher in deutscher Sprache" sprechen den deutschen Sprachraum an.

Einladungen zur Kunstausstellung in die Zehntscheuer Zuffenhausen sprechen nur diejenigen an, die innerhalb einer Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Ausstellung gelangen könnten. Also aus Tübingen kommt eher niemand. Aus Ludwigsburg könnten manche kommen. Am ehesten gelangt man aus allen Stadtteilen Stuttgarts zu diesem Angebot. Weiter will die Einladung nicht reichen. Rein örtlich werden eine Million Menschen angesprochen.

Je nach Ware, die du hast, sprichst du jeden zweiten oder nur jeden zweitausendsten Menschen überhaupt an. Jeder zweite trinkt ab und zu bis häufig Tee. Teebeutel stehen bei jedem zweiten herum, echte Teeblätter schon nur bei schätzungsweise jedem Zehnten.

Kunst scheint oberflächlich betrachtet nur bei jedem hundertsten landen zu können. Wenn ich sage, "Ich verkaufe dir meine Kunst" gehen sehr viele Mitmenschen auf Abstand. Wenn man vorschlägt "Wir könnten mal ins Museum gehen", verbessert sich die Lage um das Zehnfache.

Des Nachbarn Kunst hat ein Jesus-Problem: Das eigene Dorf erkennt sie nicht an. Kunst muss einen weiten Bogen nach draußen gehen oder behaupten, sie sei ihn gegangen, damit der Nachbar sich das mal anschaut.

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Die moderne Bildende Kunst scheint mir "das Volk" nie erreicht zu haben. Seit Picasso besteht da ein Abstand, an dem eine Million Kunstverkäufer und fünfzigtausend Angebote von moderner Kunst in Museen in der Bilanz nicht zu rütteln schafften. "Das Volk" ist bis zu Impressionisten und blauen Pferden mitgegangen. Bei Modernerem steigt es aus und schüttelt den Kopf.

Ich mag das. "Das Volk" steckt in mir. Ich möchte Show verkaufen. Sehr gehobene Unterhaltung.

Mein verrücktes Erlebnis als Künstler ist: Die KunstmacherInnen um mich herum halten zu meinen Angeboten so viel Abstand, wie "das Volk" von ihnen hat. Denn meine kunsttreibenden NachbarInnen sind alle brutal modern. Erstaunlich selten sind sie dabei gedankenstark. Erstaunlich wenig gehört zur frisch im Nahraum erstellten modernen Kunst um mich herum, dass man in Gesprächen daran entlang tief bohren kann, oder dass sie aus ihrer puren Bildhaftigkeit heraus Tiefgang liefern. Die moderne Kunst 2025 präsentiert sich mir im Nahraum als ein so flaches Gebäude, dass ich an vielem einen persönlichen Spaß empfinde - aber nur wenig davon selbst ausstellen würde und nichts zu kaufen sehe.

Jede von mir kuratierte Kunstausstellung in der Zehntscheuer bekommt ihre Werbe-e-mail. Da setze ich mich nach allerlei Vorbereitung und Absprache dessen, was ich als nächstes ausstellen will, etwa einen Monat vor der Vernissage hin und teile an anfangs zweihundert, jetzt vielleicht fünfhundert e-mail-Adessen recht spontan meine Sichtweise, meine Gedanken mit, die ich zur kommenden Ausstellung empfinde. Hier kommen meine e-mails. Lest mit und kommt beim nächsten Mal :-)


"Moderne Kunst weicht ab von der Norm": Drei Kleingemälde von Chris Mennel